Anh sollte für zwei Wochen in einem College in Hanoi arbeiten und so überlegten wir beide uns, dass wir gerne etwas Urlaub machen wollen. Die, die jetzt entsetzt aufschreien: „Es ist doch viel zu früh für Urlaub...“, denen sei direkt gesagt: am Ende mussten wir uns nur stolze drei Tage freinehmen.
Wir hatten große Pläne: der komplette Norden, zwei Wochen, begrenztes Budget von 100 Euro, vielleicht sogar Laos, unabhängiger, spontaner Urlaub eben. Wir beide hatten keinerlei Erfahrung als Backpacker, aber wir malten es uns fantasiereich aus, wie ein Backpacker zu sein hat (ich hab sogar vorher noch ein Bild von mir in der Wildnis mit Rucksack gemalt). Mit einem riesigen und viel zu schweren Trekkingsrucksack auf dem Rücken brachen wir also Dienstagmorgen unter lautem Gelächter unserer Vermieter in die Wildnis auf.
Nach einem schönen Tag in Hanoi ging es über Nacht mit dem Nachtzug nach Lao Cai. Als wir am Bahnhof ankamen riss uns direkt ein junger Mann die Karte aus der Hand. Uns war natürlich bewusst, dass er das nicht aus Nächstenliebe tat, aber was sollten wir tun, wenn er nun mal in die gleiche Richtung lief wie wir als praktisch hinterher zulaufen?! Er verlangte für diese Dienste am Ende 5 Dollar und wir haben ihn solange ignoriert bis er verschwand.
Unser Zugabteil war das letzte und der lange Weg erweckte in uns so eine Art Titanicgefühl, denn uns war bewusst, dass unser Abteil als erstes abgehangen werden würde. All’ die Wessis, ja auch all’ die „armen“ Backpacker, hatten für die acht Stunden Fahrt ein Bett im Zug reserviert. Meistens sogar die warmen, weichen Betten mit kleinem Essenskorb und Blumengesteck im Abteil. Aber unsere Vorstellung vom Backpacker sein war ein Sitzplatz, immerhin ein weicher. Das Ergebnis war eine Zugfahrt inmitten von Vietnamesen und einem anderen Rucksacktouristen. Ganz klischeehaft: junger Mann mit langen Hippiehaaren, allein unterwegs.
Um 5 Uhr früh kamen wir dann im Dunkeln und in der Kälte in Lao Cai an und versuchten erstmal, dem Geschrei der Busanbieter zu entgehen und gingen eine schöne pho bo essen. Gestärkt fanden wir einen günstigen Bus und zahlten statt 15 Dollar wie die netten, aber naiven deutschen Frauen am Bahnhof nur 2 Dollar für die 1,5 stündige Weiterfahrt nach Sapa.
Sapa selbst ist eine mittlerweile sehr touristische Stadt in den Bergen in der ethnische Minderheiten, die damals dorthin geflüchtet waren, mittlerweile ihre Seele an die Touristen verkaufen. Wir checkten in einem Hotel ein, dass bei Minusgraden in der Nacht keine Heizung hatte, und leider auch meistens kein heißes Wasser. Ja und obwohl wir ach so stolz auf unser Backpackerleben waren entdeckten wir ein kleines französisches Café, bei dem wir nicht widerstehen konnten und in unseren 1,5 Tagen Aufenthalt ungefähr 8 Stunden verbrachten. Der Sofaplatz neben dem Kamin mit Küchlein und richtigem Kaffee war dann doch meistens etwas ansprechender als die eisige Kälte draußen. Trotz alledem haben wir es in den Bergpark geschafft und auch ich habe Berge erklommen (na gut, nach fünf Minuten habe ich bereits angefangen zu fluchen und Melina angeschrien, dass ich sie hasse...). Hier durften wir uns tolle asynchrone Tänze und Playbackgesang im Stil der ethnischen Minderheiten anhören. Am nächsten Nachmittag wollten wir zu einem berühmten Dorf in der Nähe wandern. Wir haben allerdings den richtigen Weg verpasst und sind so über Bäche und matschige Abhänge geklettert und vor Wasserbüffeln weggerannt. Bei einer Rast habe ich mich dann erwischt, wie ich mich schon völlig selbstverständlich in die Vietnamesenhocke begeben habe. Aber wir zählen ja mittlerweile auch so mit den Finger wie die Vietnamesen...
Dort angekommen sollten wir Eintritt für das Dorf bezahlen, etwas, dass wir aus Prinzip nicht tun wollten. So sind wir weiter gewandert zu der nächsten ethnischen Minderheit, bei denen die kleinen Jungs keine Hosen tragen. Wir hätten sogar ein Bild davon kaufen können. Sapa selbst war uns zu touristisch, aber die Natur und frische Luft hat uns sehr zugesagt. Und natürlich das Café und der Kuchen, und die Baguettes und und und...
Freitagmorgen fuhren wir dann mit einem frühen Bus nach Dien Bien Phu an der laotischen Grenze. Der Bus war alt, eng, stinkend und fuhr mit teilweise nur 10 km/h über kaputte Bergstraßen. An Bord waren nervige verrückte Menschen, ein Baby, kotzende Frauen, quiekende Küken (Mama und Papa saßen wie man sich das so vorstellt auf dem Bus) und gruselige Pakete. Aber bei den tollen vietnamesischen Filme, die durchgehend liefen, wuchs die Gemeinschaft direkt zusammen. Ganz nett war auch noch, dass wir bei der acht Stunden Fahrt ein einziges Mal angehalten haben. Bei dieser Rast durften sich alle Frauen auf die Felsen am Straßenrand nebeneinander hocken, denn Toiletten gibt es natürlich nicht. So schrecklich es klingt, es war ein Erlebnis wert und die Aussicht unterwegs hat alles wieder wettgemacht. Diese Fahrt gilt nicht umsonst als die schönste Vietnams.
Im Dunkeln kamen wir also Freitagabend in Dien Bien Phu, eine historische Stadt, an. Aber erstens war uns die Stadt irgendwie unheimlich und Frau Binh hatte uns mittlerweile mitgeteilt hat, dass wir anders als erwartete bereits Sonntagabend zurück sein müssten. Und so setzten wir uns nach der einen Busfahrt direkt wieder mit drei Packungen Keksen bewaffnet in einen Nachtbus mit Minibetten nach Hanoi, um uns in unserer Lieblingsstadt auf die Suche nach den anderen Filialen des französoschen Cafés aus Sapa zu machen.
Nach etwas schöner und leckerer Zeit in Hanoi erreichten wir dann nach weniger als einer Woche und über tausend Kilometern am Sonntagabend wieder unser Zuhause, Bac Giang.